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Muttersprachenprinzip und Ziellandprinzip im Übersetzungsprozess

by Wolfgang Sturz

  • Einleitung
  • Das Muttersprachenprinzip
  • Das Ziellandprinzip
  • Fazit
  • Zum Autor

Einleitung

Im Zeitalter der modernen Telekommunikation und der nationalen Grenzaufhebung werden für die Anfertigung von Übersetzungen immer häufiger Muttersprachler im jeweiligen Zielland eingesetzt. Was spricht dafür und was dagegen, und was ist dabei zu bedenken?

Zunächst erscheint es erforderlich, die in diesem Kontext verwendeten Begriffe zu definieren. Das Muttersprachenprinzip bei Übersetzungsprozessen legt fest, dass Übersetzer grundsätzlich nur in ihre jeweilige Muttersprache übersetzen sollen. Das Ziellandprinzip besagt darüber hinaus, dass diese Muttersprachler in dem jeweiligen Land leben müssen, in dem ihre Muttersprache auch tatsächlich durch eine Mehrheit gesprochen wird und für das die Übersetzung bestimmt ist.

Das Muttersprachenprinzip

Eine endgültige Aussage über die Richtigkeit des Muttersprachenprinzips scheitert bereits daran, dass der Begriff Muttersprache nicht abschließend definiert werden kann. Gemeinhin bezeichnet man als Muttersprache die Sprache, die man als Kleinkind zuerst erlernt. Da auch die meisten Übersetzer nur in ihrer jeweiligen Muttersprache über ein optimales Sprachgefühl verfügen, erscheint die Anwendung des Muttersprachenprinzips sicher sinnvoll. Immer wieder lässt sich nämlich feststellen, dass sekundär erworbene Sprachkenntnisse auch nach langjähriger Übung zu einer holprigen oder nicht präzisen Ausdrucksweise führen.

So gibt es trotzdem häufig Fälle, in denen die Betreffenden zwar eine bestimmte Muttersprache sprechen, ihre gesamte Schulbildung jedoch in einer völlig anderen Sprache erworben haben. Solche Übersetzer verfügen in ihrer Zweitsprache über eine größere aktive Sprachbeherrschung als in ihrer ursprünglichen Muttersprache.

Natürlich nützt auch das Muttersprachenprinzip nichts, wenn die Fremdsprachenkompetenz fehlt. Gerade bei technischen Texten ist oft eine sehr gute Beherrschung der Ausgangssprache erforderlich, um die Sachverhalte in der Zielsprache präzise wiedergeben zu können.

Das Ziellandprinzip

Noch schwieriger ist die Frage der konsequenten Einhaltung des Ziellandprinzips. Es spricht zunächst viel dafür, dass der Übersetzer in dem Sprachraum leben sollte, in dem seine Muttersprache gesprochen wird. Beispiele für Probleme, die sich bei Nichtbeachtung dieses Prinzips ergeben, gibt es zur Genüge. So neigt der in Deutschland lebende Engländer dazu, bei der Übersetzung aus dem Deutschen ins Englische für das "Mobiltelefon" den Begriff "Handy" zu wählen. Engländern in Deutschland ist dabei leider oft nicht bewusst, dass der Begriff "Handy" ein urdeutscher Begriff ist. In England nennt man das Handy "Mobile", in Amerika heißt es "Cellular" oder ganz einfach "Cellie". In der Kategorie der "falschen Freunde" gibt es viele ähnliche Beispiele, die belegen, dass der Übersetzer grundsätzlich in seinem Zielland leben sollte.

Wie so oft bei etwas diffusen Problemstellungen gibt es allerdings auch hier Gegenbeispiele. Bleiben wir beim Handy: Auch die Schweden hatten nämlich vor wenigen Jahren das Problem, einen geeigneten Namen für dieses heute nicht mehr wegzudenkende Kommunikationsmittel zu finden. Dabei muss den Schweden ein wenig mehr Kreativität als den Deutschen zugestanden werden. In Schweden wurde für das Handy (zurückübersetzt) zunächst der Begriff "Yuppie-Teddybär" geprägt, weil es anfangs nur die Yuppies waren, die man auf den Straßen und Plätzen immer wieder in Schmusehaltung mit ihrem Mobiltelefon beobachten konnte. Aus dem "Yuppie-Teddybär" wurde dann der "Teddybär" und inzwischen ganz einfach der "Teddy". Dies muss ein Schwedisch-Deutsch-Übersetzer, der nach dem Ziellandprinzip in Deutschland lebt, natürlich wissen. Sonst wird aus dem jungen Herrn mit dem Handy eventuell plötzlich ein junger Herr mit seinem Teddy - mit vorprogrammierter Verwirrung und Belustigung.

Ein anderes Beispiel: Aus dem englischen Satz "We work for major Fortune 500 companies" wurde nach einer Übersetzung ins Spanische erst kürzlich der Satz "Wir übersetzen für Unternehmen der Gruppe Fortune 500". Auch hier fehlte dem in seinem spanischen Zielland lebenden mutttersprachlichen Spanisch-Übersetzer der kulturelle Hintergrund der Ausgangssprache. Fortune ist eine amerikanische Wirtschaftszeitung, und Fortune 500 Unternehmen sind die Unternehmen, die sich auf der jährlich durch Fortune publizierten Liste der 500 weltweit größten Unternehmen wiederfinden. Richtig übersetzt hätte dieser Satz also lauten sollen : "Wir arbeiten für viele Firmen, die zu der Gruppe der 500 größten in der Zeitschrift Fortune veröffentlichten Firmen gehören...". Ohne die Hintergrundinformation über diese Fortune 500 Publikation ist die Übersetzung von den einzelnen Worten her zwar richtig, vom Inhalt her jedoch leider völlig falsch.

Als Fazit kann eigentlich in der Kürze nur festgehalten werden, dass viele Aspekte sowohl für die Einhaltung des Muttersprachenprinzips als auch für die Einhaltung des Ziellandprinzips sprechen. Eine Reduzierung der Problematik der Übersetzungsqualität auf die Fragen des Muttersprachenprinzips und des Ziellandprinzips würde allerdings den vielfältigen Facetten der menschlichen Sprache in keinster Weise gerecht werden. Sprache lebt, Sprache entwickelt sich weiter und die Geschwindigkeit, mit der dies geschieht, nimmt rapide zu. Hier liegt dann auch das größere Problem: Wie kann ein Übersetzer mit der rasanten Sprachentwicklung Schritt halten?

Während der Sprachgebrauch sich nämlich früher oft über Jahrzehnte hinweg kaum geändert hat, erleben wir heute weltweit eine steigende Flut an neuen "Fachbegriffen" und Ausdrucksweisen. Dies steht in einem direkten Zusammenhang mit der Entwicklung des menschlichen Wissens. Die Zeiträume, in denen sich das menschliche Wissen verdoppelt werden immer kürzer: Waren es früher noch Jahrhunderte, ist dieser Zeitraum inzwischen auf weniger als zwei Jahre reduziert. Natürlich muss die Entwicklung der Sprache mit diesem gigantischen Entwicklungstempo mithalten. Neue Entwicklungen und Technologien bedürfen neuer Begriffe. Werbung und Jugendkultur tun ein übriges. Insbesondere die Werbung schafft es in einem immer schnelleren Tempo, nicht nur neue Fachausdrücke zu kreieren, sondern auch neue umgangssprachliche Formen zu prägen. Ein inzwischen klassisches Beispiel ist das deutsche Wort "geil", das früher zum ausgesprochen obszönen Wortschatz gehörte und heute mit einer völlig anderen Bedeutung umgangssprachlich verwendet wird.

Übersetzer sind gefordert, bei dieser Entwicklung den Anschluss nicht zu verlieren. Dies führt immer häufiger zu einer echten Überforderung. Während es vor kurzem durchaus Allround-Spezialisten in der Übersetzungsbranche gab, kristallisiert sich inzwischen immer mehr ein Trend zu Fachübersetzern heraus, die sich auf ganz spezielle Fachgebiete und damit auf ganz bestimmte Terminologien konzentrieren.

Übersetzer müssen demnach mit der raschen Entwicklung von Sprache, Ausdruck und Stilformen Schritt halten. Hinzu kommt, dass Übersetzer diese neuen Entwicklungen nicht nur passiv beherrschen bzw. verstehen müssen, sondern auch in der Lage sein sollen, diese aktiv einzusetzen, d.h. in den entsprechenden Jargon ihrer Muttersprache zu übersetzen. Auch hier wird von den Übersetzern ein hohes Maß an Professionalität gefordert.

Fazit

Es spricht sicher einiges für die konsequente Einhaltung des Muttersprachenprinzips und des Ziellandprinzips. Viel wichtiger ist jedoch die Frage der Professionalität des jeweiligen Übersetzers. Was unternimmt der Übersetzer, um sich sowohl in fachsprachlicher Terminologie als auch in der Umgangssprache auf dem Laufenden zu halten? Besteht wirklich eine enge Kommunikation zwischen dem Übersetzer, dem Verfasser der Ausgangstexte und dem Rezipienten der übersetzten Texte? Hier besteht sicherlich noch ein großer Handlungsbedarf.

Gute Übersetzungen sind nur dann gewährleistet, wenn die verantwortlichen Übersetzer sorgfältig und professionell arbeiten. Dazu gehört eine ständige Auseinandersetzung mit den dargelegten Fragestellungen, eine intensive Beobachtung der Sprachentwicklung und die Fähigkeit, ständig weiterzulernen und sich regelmäßig über neue Entwicklungen zu informieren.

Einkäufer von Übersetzungen sollten sich über diese Entwicklungen im klaren sein. Viele Technische Redakteure kaufen nämlich immer wieder Übersetzungen ein, ohne die hier geschilderten qualitätsrelevanten Zusammenhänge zu verstehen. Deshalb ist eine wesentlich engere Zusammenarbeit in der gesamten Kommunikationskette gerade hier erforderlich. Übersetzer müssen sich über die Problematik der Sprachentwicklung im klaren sein. Aber auch die Redakteure, die Dokumentationen erstellen und dann die Übersetzungen einkaufen, müssen diese Zusammenhänge verstehen. Dies führt dann vielleicht bei den Redakteuren zu etwas mehr Zurückhaltung bei der willkürlichen Schaffung neuer Begriffe. Nur durch ein insgesamt besseres Verständnis zwischen den Beteiligten kann letztlich ein optimales Übersetzungsergebnis und damit eine optimale länderübergreifende Kommunikation gewährleistet werden.

Zum Autor

Eine Kurzbiographie des Autors Dr.-Ing. Wolfgang Sturz (nospam_sturz[--at--]transline-group.com) finden Sie auf der Homepage seines Unternehmens transline - Übersetzungsdienst für technische Übersetzung - das z. B. Ihre Übersetzung Französisch für Sie durchführt.

transline-Nutzerprofil

Quelle

Das Original dieses Artikels befindet sich in der Rubrik Wissenswertes > "Übersetzung & Dokumentation" der Website von transline - Übersetzungsdienst für technische Übersetzung

© Jul, 18th.2005, Wolfgang Sturz for BabelPort

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